Welcher Drink aus welchem Glas? – Eine kleine Glas-Kunde

Verschiedene Gläser auf einer Bar
Gläser gibt es viele – welche brauchst du wirklich?

Letztens beim Wandern auf der Hütte. Erschöpfte Gesichter, der Durst will gestillt werden. Am Tisch neben uns sitzt ein älteres Ehepaar vor einer Flasche Hellem und einem Weißbier – und schenkt doch tatsächlich das Weizen in den Krug und das Helle ins Weißbierglas. Ein klarer Fall von „Ich seh‘ den Drink vor lauter Gläsern nicht“.

In der Tat ist es oft nicht leicht, das richtige Glas für den richtigen Drink zu finden. Vor allem bei Spirituosen scheint es da genaue Vorschriften und Regeln zu geben – und Menschen, die auf deren Einhaltung beharren. Doch den Kauf zu vieler und zu teurer Gläser kannst du dir größtenteils sparen. Denn allzu streng muss man beim Glas-Thema nicht sein. Außerdem hat kaum jemand Platz für 20 verschiedene Gläser in jeweils sechs- oder achtfacher Ausführung. Welche Gläser du wirklich brauchst, erfährst du am Ende von Captain Korns kleiner Glas-Kunde.

Welches Glas für welchen Drink?

Das Bierglas – für alle, die nicht aus der Flasche trinken

Ein Glas voll Bier
Das 0,5-Liter-Glas eignet sich für Bier – und fast alles andere

Wer gerne Bier trinkt (und das nicht aus der Flasche tut) braucht vor allem zwei Biergläser: Ein Weißbierglas und irgendein Glas bzw. einen Krug mit 0,5 Liter Fassungsvermögen.

  • Das Weißbier (in Gegenden, die mehrheitlich nördlich des Weißwurstäquators liegen, auch Hefeweizen genannt) wird aus dem leicht geschwungenen Weißbier- oder Weizenglas getrunken. Die Anschaffung eines Weißbierglases macht Sinn, denn die Form fördert eine gleichmäßige Schaumbildung. Und eine formschöne Schaumkrone ist in Bayern so was wie ein Prestigeobjekt.
  • Bei Lager, Hellem, Dunklem oder Ale ist die Sache schon unkomplizierter. Hierfür genügt ein einfaches Glas oder ein Krug mit 0,5 Liter Fassungsvermögen.

Darüber hinaus gibt es noch Spezialitätengläser wie das Kölschglas oder die Pilsstange. Gerade Pils kann man aber auch aus jedem normalen, schmalen 0,3-Liter-Wasserglas trinken – oder direkt aus der Flasche. Dem Craftbier-Trend sind Bier-Verkostungsgläser unterschiedlichster Ausführung geschuldet. Die machen natürlich nur dann Sinn, wenn jemand sein Bier mit allen Sinnen verkosten (statt herkömmlich trinken) möchte.

Das Weinglas – Ganz nach Gusto

Hui, Wein ist eine Wissenschaft für sich (Önologie, um genau zu sein). Es gibt unzählige Weinsorten und -arten und mindestens ebenso viele Gläser. Rotweingläser sind in der Regel größer, bauchiger und haben eine weitere Öffnung als Weißweingläser. Prinzipiell gilt: Das Aroma entfaltet sich umso mehr, je bauchiger das Weinglas ist. Das Aroma eines leichten (Weiß-)Weins verflüchtigt sich schnell, weshalb schmale Gläser eine gute Wahl sind. Schwere, aromatische (Rot-)Weine hingegen brauchen Platz, um ihr Aroma zu entfalten. Die Wahl der richtigen Gläser sollte man nach persönlicher Vorliebe und Trinkgewohnheit entscheiden. Ich persönlich bin gerne unkompliziert und trinke meinen Wein meist aus einem mittelgroßen Allzweckglas – außer es handelt sich um einen ganz besonderen Tropfen.

Das Sektglas – Trinkt mehr Schampus!

Wir sollten öfter Sekt trinken! Leider holen viele das prickelnde Diplomatenwasser nur zu besonderen Anlässen raus. Sekt, Schampus und Co. gibt’s meist nur an Geburtstagen, Hochzeiten und an Neujahr direkt aus der Flasche. Aber als Aperitif vorm Essen oder einfach mal nachmittags zum Kuchen kann Schaumwein eine Wohltat sein. Deshalb sollte man immer einen Satz Sektgläser zur Hand haben. Früher wurde Schaumwein übrigens nicht aus den hohen, zylinderförmigen Sektgläsern, sondern aus flachen Sektschalen getrunken. Die sehen zwar edel aus, aber durch die große Oberfläche geht die Kohlensäure zu schnell verloren und übrig bleibt ein schaler Schampus.

Der Cocktailglas-Dschungel

Cocktail ist ein Überbegriff für unzählige Drinks in allen möglichen Variationen, Zusammensetzungen und Geschmacksrichtungen. Aber man muss sich nicht für jeden Cocktail ein extra Glas anschaffen. Hier ein paar grundsätzliche Tipps:

  • Longdrinks (ja, ich weiß, dass das genau genommen keine Cocktails sind) kann man prinzipiell aus jedem beliebigen Glas trinken, das am besten eine Kapazität von 0,2 bis 0,4 Liter hat. Meist verwendet man schmale, zylinderförmige (Wasser-)Gläser. Daraus schmecken Gin Tonic, Vodka-O, Cuba Libre oder sogar die unglaublich fade Skinny Bitch. Und das beste daran: Solche Gläser hat vermutlich jeder schon im Haushalt und man kann sie auch für viele Cocktails und nicht-alkoholische Getränke verwendnen.
    Shortdrink in einer Coupette
    Shortdrink in einer Coupette
  • Ballongläser sehen fancy aus und werden gerne für Aperitifs wie Aperol Spritz und Co verwendet. In letzter Zeit wird zunehmend Gin Tonic in Ballongläsern serviert, die aufwändig mit Kräutern, Beeren und anderem Firlefanz ausstaffiert sind – dabei ist Gin Tonic doch gerade wegen seiner Einfachheit so genial. Ballongläser kann man sich meiner Meinung nach sparen. Aperol Spritz kommt auch im Weinglas gut und G&T serviere ich unkompliziert im oben erwähnten Longdrinkglas.
  • Cocktailschalen sind breite, schalenförmige Gläser mit langem Stiel. Darunter fallen das Martini-, das Margarita- und das Coupette-Glas. Das Martiniglas versprüht Agenten-Charme, denn es ist das richtige Glas für den namensgebenden James-Bond-Lieblingsdrink. Das verwandte Margarita-Glas wurde natürlich für die Margarita, den Tex-Mex-Cocktail schlechthin, ersonnen. Doch die Cocktailschale schlechthin ist meiner Meinung nach die Coupette, eine wahre Allzweckwaffe. Wenn du dir ein paar schöne Coupette-Gläser kaufst, kannst du dir die Anschaffung von Martini- und Margarita-Gläsern sparen. Denn die Coupette eignet sich eigentlich für alle Shortdrinks ohne Eis.

Nosing-Gläser – Die Farce um das Whisky-Glas

Whisky wird aus einem Nosing-Glas verkostet. Daran führt kein Weg vorbei, wenn du deinen Whisky entsprechend würdigen und mit allen Sinnen genießen möchtest. Durch die Tulpenform kann sich das Aroma im Bauch des Glases ausbreiten und wird durch die sich nach oben verjüngende Form konzentriert der Nase zugeführt. So ein Nosing-Glas muss aber kein teures Profiwerkzeug sein. Gute Exemplare, z.B. von Schott oder Stölzle, gibt es ab ca. 25 Euro für das Sechserpack.

Nosing-Gläser gibt es mit langem Stiel oder auch als kurzstieliges Glencairn-Glas. Beide sind übrigens nicht nur für Whisky geeignet. Du kannst fast jede Spirituose aus Nosing-Gläsern verkosten, z.B. Rum, Cognac, Obstbrände, Gin und vieles mehr.

Die Anschaffung von Spezialgläsern lohnt sich meiner Meinung nach nur, wenn du der Super-Sommelier hoch 3000 bist, zu viel Geld übrighast und/oder deinen 2000 Euro teuren, 40-jährigen Scotch entsprechend würdigen willst. Viele Glashersteller bieten spezielle Nosing-Gläser für Cognac, Rum und Co an. Die sind dann oft handgeblasen und schweineteuer. Das geht sogar so weit, dass manche Hersteller spezielle Gläser für verschiedene Whiskys anbieten, z.B. für schottischen Highland- oder Islay-Whisky.

Nosing-Gläser im Einsatz bei einem Whisky-Tasting
Nosing-Gläser im Einsatz bei einem Whisky-Tasting

Schwenker – That’s so 70s…

Die 70er haben angerufen und wollen ihr Glas zurück. Wer heute noch Schwenker schwenkend im Ohrensessel sitzt, um seinen Cognac zu schlürfen, darf nicht ernstgenommen werden. Denn der Schwenker ist das Anti-Glas. Sie werden meist für Cognac und andere Weinbrände, aber manchmal auch für Whisky und andere fassgereifte Spirituosen verwendet. Die Idee dahinter: Das bauchige Glas bietet viel Platz, um den Spirit hin-und-her zu schwenken, während man es mit der Handfläche wärmt. Aber das, lieber Leser, ist das Schlimmste, das du einem Cognac antun kannst. Durch das ganze Geschwenke steigt der Alkohol nach oben und konzentriert sich an der Glasöffnung – und alles was du riechst ist Sprit. Durch das langsame Erwärmen wird dieser Effekt noch verstärkt. Also Hände weg vom Schwenker, denn er verführt nicht nur zum falschen Trinken, sondern ist obendrein auch noch unhandlich.

Das Grappa-Glas

Das Grappa-Glas besitzt einen langen Stiel und hat eine bauchige Mitte, die in einen schmalen zylindrischen Hauptkörper übergeht. Es eignet sich besonders für Trester- und Obstbrände. Die besondere Form verhindert die schnelle Verdunstung des Alkohols, damit die Alkoholschärfe reduziert wird und sich die fruchtigen Aromen sammeln können. Trester- und Obstbrände kann man aber auch gut aus einem Nosing-Glas verkosten.

Tumbler – Easy Drinking mit Stil

Ein Tumbler mit Whisky
Kommt immer gut: der Tumbler

Der Tumbler ist für mich das Spirituosen-Glas schlechthin. Das niedrige, breite, massive Becherglas eignet sich zum einen für den stilvollen und zugleich entspannt unkomplizierten Genuss fast jeder Spirituose, v.a. Whisky, Rum und Weinbrand – egal, ob mit oder ohne Eis. Achtung: Ich spreche hier vom Trinken, nicht vom Verkosten: Verkosten = Nosing-Glas. Genuss am Feierabend = Tumbler. Zum anderen ist der Tumbler auch das Glas der Wahl für verschiedenste Cocktails, z.B. Negroni, Sour oder Old Fashioned.  

Shots – Nicht lang Schnacken, Kopf in Nacken!

Jeder kennt die kleinen 2cl-Schnapsgläser – und jeder hat schon mal schlechte Erfahrungen damit gemacht. Mit Genuss hat das Shot-Glas nicht viel zu tun. Es eignet sich vor allem für die Instantbetankung auf Partys: Kopf in Nacken, Mund auf, den Fusel an den Geschmacksnerven vorbeimanövrierend in die Kehle schütten, nachladen und wieder von vorn.

Checkliste – Welche Gläser brauchst du wirklich?

Keine Angst, du brauchst nicht alle Gläser, die ich in meinem Artikel aufgezählt habe. Zum einen hängt es natürlich davon ab, was du gerne und häufig trinkst. Trinkst du gerne Bier oder hast du damit gar nichts am Hut? Kaufst du dir zweimal im Jahr einen 2-Euro-Wein bei Aldi oder suchst du gern zum Essen den passenden Vino aus? Mixt du dir gern mal einen Drink oder schlürfst du deine Spirits nur pur?

Die folgende Liste macht meiner Meinung nach Sinn, wenn du für alle Eventualitäten gerüstet sein willst. Ich empfehle jedes Glas in sechsfacher Ausführung.

  • Einfache 0,5-Liter-Gläser – eignen sich für Bier ebenso wie für Wasser, Limo, Schorle und Co.
  • Weißbierglas
  • Coupette
  • Tumbler
  • Nosing-Glas
  • Longdrink-Glas oder herkömmliches 0,3-Liter-Glas
  • Weingläser – je nach Vorliebe entweder
    • bauchige Rot- und schmale Weißweingläser
    • oder mittelgroße Allzweckgläser
  • Sektglas

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