Schluss mit dem Rumgegurke!

Warum die Gurke in (den meisten) Drinks nichts zu suchen hat

Gurke hat im Gin Tonic nichts zu suchen
Die Gurke hat im Gin Tonic nichts zu suchen – außer es ist Hendrick’s drin

Trink mal drüber nach… Wenn ich Gemüse essen möchte, bestelle ich einen Salat – aber garantiert keinen Gin Tonic. Wieso in aller Welt schwimmt dann in fast jedem Gin Tonic, der mir serviert wird, eine Gurkenscheibe? Ich möchte dieses wässrigste aller Gemüse nicht in meinem Getränk haben. Dort hat dieser Möchtegernkürbis meiner Meinung nach einfach nichts verloren. Ich fordere deshalb: Schluss mit dem Rumgegurke!

Leider greift die Gurkensucht in besorgniserregendem Maße um sich. Sowohl Restaurants als auch Bars und leider auch einige meiner Freunde und Bekannten verschlimmbessern ihre Gin Tonics ohne Sinn und Verstand mit unzähligen Gurkenscheiben. Es gehört mittlerweile anscheinend zum guten Ton – ein schriller, fieser Mit-den-Fingernägeln-an-der-Tafel-kratzen-Ton.

Gurke überall! Aber bitte nicht im Gin Tonic…

Schlimmer noch, als Gin Tonic mit Gurke zu servieren, ist die Unsitte, jeden erdenklichen Drink mit einer Gurkengarnitur „aufzuwerten“. Moscow Mule – mit Gurke. Gin Fizz – mit Gurke. Und Cappuccino-Muttis entspannen nach der nachmittäglichen Yogastunde bei einer Weißweinschorle – mit Gurke!!1! Was soll das? Eine Gurke hat im Moscow Mule rein gar nichts verloren. Wieso sind alle plötzlich so gurkengeil? (Da regt sich aber einer auf, mögt ihr jetzt denken, aber ich bin nicht allein mit meiner Meinung.)

Da muss Gurke rein: Pimm’s Cup

So, jetzt mal ruhig durchatmen und von Anfang an: Der Siegeszug der Gurke im Drink hat vermutlich seinen Ursprung im berühmten Pimm’s Cup. Dieser Klassiker unter den Cocktails verlangt tatsächlich nach Gurkenscheiben. Allerdings nicht nur nach Gurke: Im Pimm’s Cup schwimmt allerhand Obst und Gemüse, die den Drink zu einer erfrischenden Sommerbowle machen: Gurke und Zitrone sind ein Muss, aber auch Erdbeeren, Limetten, Orangen oder frische Minze sind gern gesehene Zutaten.

Die Grundzutat des Cocktails ist der Kräuterlikör auf Basis von Gin, Pimm’s, der in England erfunden wurde. Der Name geht angeblich auf James Pimm zurück, der 1823 nahe des Buckingham Palace eine Austern-Bar eröffnete, in der die feine Londoner Gesellschaft verkehrte. Zu den Austern soll James Pimm einen Vorläufer des heutigen Likörs kredenzt haben. Der darauf basierende Pimm’s Cup Cocktail erfreute sich Großbritannien besonders im Sommer großer Beliebtheit und gehörte auf Sportveranstaltungen wie dem Pferderennen in Ascot oder dem Tennisturnier in Wimbledon zum guten Ton (das tut er auch heute noch). Da Gurke früher nicht, wie heute, das ganze Jahr über erhältlich war, hatte der Drink schon früher etwas Besonderes an sich. Ansonsten war die Gurke damals hauptsächlich im Salat zuhause – ach, die gute alte Zeit…

Da ist Gurke drin: Hendrick’s Gin Tonic

Aber wie kommt die Gurke jetzt in den Gin Tonic? Der Vater dieser Modeerscheinung heißt Hendrick’s Gin. Dieser schottische Premium-Gin wird von William Grant & Sons seit den späten 1990ern vor allem in den USA sehr erfolgreich vermarktet. Zur Marketingstrategie gehört natürlich auch die Kreation eines eigenen, auf den Hendrick’s abgestimmten Drinks. Deshalb wurde der Hendrick’s Gin Tonic mit Gurke geschaffen.

Hendrick’s mit Gurke macht auch einigermaßen Sinn. Denn das gewisse Extra im Hendrick’s sind zwei besondere Botanicals, mit denen der Gin aromatisiert wird: Neben den üblichen Verdächtigen, wie Wacholder und Koriander, geben sich auch Rosenblätter und eben Gurken die Ehre. Deren Geschmackseinfluss sollte durch eine Scheibe Gurke im Drink unterstrichen werden. Netter Nebeneffekt: Bestellte jemand einen Gin Tonic mit Gurke, wusste man: Der Mann hat Geschmack und leistet sich etwas besonders Feines – Hendrick’s Gin eben. Da Gin Tonic im Grunde immer gleich aussieht, wurde die Gurke zum bekannten Erkennungs- und Markenzeichen von Hendrick’s. Durch die Salatgarnitur unterschied er sich von herkömmlichen Gin Tonics.

Aber sonst muss nirgends Gurke rein

Einige Jahre später erlebten wir einen wahren Gin-Boom, der heute immer noch nicht ganz abgeflaut ist. Während der Boom-Jahre Anfang der 2010er muss es passiert sein. Irgendwer hatte eines Nachmittags – es muss ein besonders grässlicher gewesen sein – die unrühmliche Idee, jeden beliebigen Gin Tonic, den er mixte, mit Gurke zu garnieren. Wieso?

Gin Tonic sieht, wie bereits gesagt, eigentlich immer gleich aus. Und wenn er schlecht gemischt ist, schmeckt er sogar immer gleich. Um dem Getränk dennoch einen gewissen Esprit zu verpassen, greift man zur Gurke. Der Erfolg des Hendrick’s mit Gurke fand also Nachamer, die ihm seine Gurkenexklusivität entzogen. Mittlerweile ist die Gurke im Gin Tonic Standard. Leider, denn dem Geschmack ist sie nicht gerade zuträglich. Gurke besteht zum Großteil aus Wasser und gibt pausenlos Geschmack an den Drink ab. Deshalb schmeckt jeder Gin Tonic mit Gurke irgendwann gleich – nämlich nach Gurke. Noch schlimmer: „Das schmeckt so sommerlich-frisch“, finden einige sogar…

Und so kam es, dass jeder erdenkliche Gin Tonic heute bevorzugt mit Gurke serviert wird. Doch damit nicht genug, hält die Gurke auch in anderen Drinks, wie im Moscow Mule, dem Gin Fizz oder sogar im Lieblingsdrink aller Kalorienzähler, der Weißweinschorle, Einzug. Sinn macht das keinen, weder geschmacklich, noch optisch oder sonst wie.

Deshalb mein Schlussplädoyer: Hört auf mit dem Rumgegurke! Die Gurke hat als Garnitur im Gin Tonic (außer natürlich, Du bereitest ihn mit Hendrick’s Gin zu) genauso wenig zu suchen, wie in einem Moscow Mule oder einem Gin Fizz. Das Gemüse verdirbt Dir doch nur den feinen Drink.

Und falls ihr nun doch Lust auf Gin mit Gurke habt, dann doch bitte mit Hendrick’s. 

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