Den besten Gin gibt’s beim Discounter – Not! (Oder: die Wahrheit über Spirituosen-Awards)

Pokale bei Spirituosen-Awards
Motto vieler Spirituosen-Awards: Möge der beste Gewinnen – oder der, der zahlt.

Trink mal drüber nach… Du hast wegen der reißerischen Überschrift auf diesen Artikel geklickt? Tja, sorry! Denn den besten Gin gibt’s eben nicht beim Discounter. Trotzdem titelte die Presse vor einem Jahr rauf und runter, dass es den besten Gin der Welt bei Aldi gebe. Tatsächlich erhielt der Oliver Cromwell London Dry Gin, der für den Discounter produziert wird, bei der International Wine and Spirits Competition (IWSC) eine Goldmedaille. Der Grund für diese Auszeichnung ist aber nicht die außerordentliche Qualität dieser Spirituose, sondern vielmehr geschicktes Marketing und (wie so oft) das gute alte Geld. Denn Spirituosen-Awards wie der IWSC sind enorme Gelddruckmaschinen. Hinter den meisten Branchenauszeichnungen steckt reine Gewinnabsicht. Letztlich zieht der Kunde den Kürzeren.

Spirituosen-Awards werden heute wie Rabattware am Grabbeltisch rausgehauen. Es gibt etliche Preise, die in unzähligen Kategorien Medaillen und Auszeichnungen verleihen. Neben den internationalen Preisen wie IWSC und World Spirits Awards gibt es auch produktspezifische Awards, z.B. die World Gin Awards. Hinzu kommen noch etliche andere. Das ist ziemlich unübersichtlich, aber die goldenen Siegel, Logos und Medaillen auf den Etiketten der Gewinner geben dem Kunden ein gutes Gefühl. Da kaufe ich etwas Hochwertiges, das von Experten ausgezeichnet wurde – Pustekuchen!

Spirituosen-Awards – Wer Geld zahlt, gewinnt

Natürlich wird nur die Marke oder der Hersteller für einen Spirituosen-Award nominiert, der sich auch dafür anmeldet. Und dafür ist zunächst eine Anmeldegebühr zu entrichten. Wer gewinnt, darf natürlich auch blechen – denn Gold gibt’s nur gegen Geld. Mehr Gewinner bringen also mehr Geld. Man zahlt zum Beispiel für die Nutzungsrechte an den Award-Logos sowie für „attraktive“ Marketing-Pakete, die die Preisverleiher Gewinnern und Nominierten andrehen. Dafür darf man sich die Medaille dann auch auf die Verpackung drucken. Aber ein Schelm, wer dabei Böses denkt. Selbstverständlich werden die Sieger von einer „hochkarätigen“ Fachjury aus Branchenkennern und Sommeliers ermittelt. Objektiv ist die Bewertung durch diese Jury aber keineswegs – kann sie auch gar nicht.

Erst vor Kurzem erreichte mich eine Pressemitteilung über die Verleihung des Meiningers International Spirits Award (ISW). Im Rahmen dieses Spirituosen-Awards hat eine 67-köpfige Jury insgesamt 1.000 Spirituosen verkostet und bewertet – innerhalb von nur zwei Tagen. Um ein möglichst objektives Ergebnis zu erzielen, müsste jedes Jurymitglied alle 1.000 Schnäpse probieren. Das hält nicht mal der ärgste Alkoholiker durch und nach ein paar hochprozentigen Spirits schmeckt man eigentlich gar nix mehr.

Laut Veranstalter des ISW sind die Juroren „renommierte Experten aus Forschungsanstalten, den Reihen der Hersteller, des Handels und der Gastronomie […]. Jede Spirituose wird von einer Kommission, die sich jeweils aus 5-6 Juroren zusammensetzt, verkostet und bewertet.“ Der genaue Modus Operandi wird nicht weiter erläutert (z.B. wer wie viele Spirits welcher Art verkostete). Am Ende werden auf Basis von Aussehen, Geruch, Geschmack und Gesamteindruck Punkte zwischen 0 bis 100 vergeben. Insgesamt wurden 2019 über 300 Spirituosen beim ISW ausgezeichnet – rund ein Drittel der Anmeldungen.

Geschmack ist immer subjektiv

Genuss und Geschmack sind immer subjektiv und was einem Juror schmeckt, muss der andere lange nicht gut finden. Deshalb glaube ich nicht an Punktewertungen. Denn zum einen sind sie immer subjektiv, zum anderen ist eine 100-Punkte-Skala so kleinteilig, dass beispielsweise eine Unterscheidung zwischen einem 78- und einem 79-Punkte-Whisky objektiv nicht nachvollziehbar ist. Am Ende wird das Ergebnis vermutlich ausgeknobelt.

„Qualität kann man nicht am Etikett ablesen“, erläutert der Meiniger Verlag, Ausrichter des ISW. Aber Qualität kann man leider auch nicht anhand von Awards erkennen. Dafür sind sie zu subjektiv, unnachvollziehbar und gewinngetrieben. Ziel gibt es sowieso nur eines: „Steigern Sie den Bekanntheitsgrad Ihres Produktes mit einer ISW-Medaille!“

Warum der beste Gin nicht von Aldi ist

Ein Beispiel gefällig? Der anfangs erwähnte Oliver Cromwell London Dry Gin, der für Aldi hergestellt wird, wurde beim IWSC 2017 mit Gold ausgezeichnet. Das schlug hohe Wellen in der Presse. Dabei sagt die Auszeichnung durch diesen Spirituosen-Award rein gar nichts über die Qualität des Gins aus. Sehen wir uns die Auszeichnung einmal genauer an:

Auf der Medaille steht lediglich „IWSC Gold“. Dort ist allerdings nicht zu lesen, in welcher Kategorie der Oliver Cromwell Gin gewonnen hat. Dieses Detail lässt den Aldi-Gin nämlich gar nicht mehr so gut dastehen. Denn gewonnen hat er in der sehr spezifischen Kategorie „Gin – London Dry – 37.5-38%“. In diese Kategorie werden also nur London Dry Gins mit einem Alkoholgehalt zwischen 37,5 Vol.-% (das absolute Minimum für Gin) und 38 Vol.-% aufgenommen. Das sind dann gar nicht mehr so viele. Dadurch ist der Gin nur noch der Beste aus einer Handvoll.

Neben London Dry gibt es beim IWSC auch noch die Gin-Kategorien Dutch, Contemporary Styles, Flavoured, Wood finished, Old Tom und Sloe Gin. Diese Überkategorien werden wiederum in mehrere Unterkategorien aufgeteilt, z.B. nach Herkunft oder Alkoholgehalt. Fassen wir zusammen: Der Aldi-Gin hat also nur eine von vielen Gin-Goldmedaillen gewonnen. Auch das Fazit der Jury ist erstaunlich unspezifisch:

„Clean, clear, light fresh gin with well integrated botanicals, spices and juniper. Elegant distillation with traditional feel accomodating complex yet subtle flavours.“

Die Adjektive „clean“, „clear“ und „light“ sind im Grunde synonym und sagen so gut wie gar nichts aus. Und auch die „gut integrierten Botanicals“ (das kann alles heißen), „Gewürze“ (das kann auch alles heißen) und „Wacholder“ (was sonst) mit „traditionellem Feeling“ (London Dry halt) und „subtilem Geschmack“ (also wohl keine Geschmackssensation) lassen den Leser im Dunkeln. Hat Gold gewonnen, muss also schmecken – aber bitte nicht hinterfragen.

Mehr Gewinner, mehr Geld

Die möglichst kleinteiligen Preiskategorien haben natürlich einen großen Vorteil für den Organisator des Spirituosen-Awards: Je mehr Kategorien, desto mehr zahlende Gewinner. Man kann sich ausrechnen, was der Veranstalter einnimmt. Beim IWSC 2017 wurden insgesamt 368 Gins in etlichen Kategorien ausgezeichnet. Allein in der Kategorie London Dry waren es 160, davon erhielten 13 Gold, der Rest Silber oder Bronze. Der Oliver Cromwell Gin von Aldi ist also laut IWSC einer der 13 besten London Dry Gins. Klingt gar nicht mehr so geil, oder? Und auskennen tut sich auch kein Schwein mehr.

One Reply to “Den besten Gin gibt’s beim Discounter – Not! (Oder: die Wahrheit über Spirituosen-Awards)”

  1. Schöner Artikel, und ja das ist leider wie im Tierzüchterverein oder Motorsport auch in der Spirituosenbranche so oder auch in der Marketingwelt – wer zahlt gewinnt. Besser ist es ein paar Artikel in Foren oder Communties lesen – von Konsumenten. Das hilft eher ein Gefühl zu bekommen. Aber natürlich gilt immer: nicht alles glauben was veröffentlicht wird.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.