Alles Bourbon, oder was? – US-amerikanische Whiskey-Sorten

Bourbon ist zwar die bekannteste aber bei Weitem nicht die einzige Whiskeysorte aus den USA
Bourbon ist zwar die bekannteste aber bei Weitem nicht die einzige Whiskeysorte aus den USA

„Also Rye ist ja mein Lieblings-Bourbon…“, hörte ich letztens einen Typen auf einer Messe sein „Fachwissen“ in die Runde posaunen. Das ist an und für sich ja gar nicht so schlimm. Hätte dieser Typ nicht Tastings veranstaltet und Bourbon an seinem Ständchen ausgeschenkt. Leute, wenn Ihr was verkaufen wollt, solltet Ihr zumindest wissen, was Ihr Euren Kunden andreht. Servicewüste Deutschland! – Aber das ist eine andere Geschichte. Heute soll es um amerikanischen Whiskey gehen.

Worauf ich hinaus will, ist der weit verbreitete Irrglaube, Bourbon sei die allgemeine Bezeichnung für amerikanischen Whiskey. Falsch gedacht! Zwar ist jeder Bourbon ein amerikanischer Whiskey, doch nicht jeder amerikanische Whiskey ist ein Bourbon. Er ist nur eine von vielen Whiskey-Sorten, die in den USA hergestellt werden. Tatsächlich gibt es dort einiges zu entdecken!

Amerikanischer Whiskey – mehr als Bourbon

Bourbon ist ohne Frage die bekannteste Whiskeysorte aus den USA. Zwar erlebt er derzeit einen Popularitätsschub, aber noch immer gilt er – und damit die gesamte amerikanische Whiskeyproduktion – in weiten Kreisen als billiges, süßes Massenprodukt. Das hat meiner Meinung nach v.a. zwei Gründe: Zum einen gibt es die Hardcore-Scotch-Fans, die von ihrem hohen Ross aus abfällig auf alles herabschauen, was nicht schottischer Whisky ist. Zum anderen ist die Vielfalt des amerikanischen Whiskeys hierzulande immer noch größtenteils unbekannt. Viele kennen nur Jim Beam und Jack Daniels – schlimmstenfalls mit Cola. Und dieses Zeltdiskogesöff ist von Genuss ungefähr so weit entfernt, wie Bayern von Kentucky. Dabei gibt es so viel Gutes zu entdecken. Zeit also, um einen Blick auf die Whiskey-Welt jenseits des großen Teichs zu werfen!

Bourbon

Bourbon ist die bekannteste, beliebteste und meistproduzierte US-amerikanische Whiskeysorte. Er darf nur in den USA hergestellt werden, Produktionszentren sind die Bundesstaaten Kentucky und Tennessee. Das Besondere: Die dem Whisky zugrundeliegende Maische muss mindestens 51 % Mais enthalten. Die Getreidemischung – die sog. Mash Bill – aus der Bourbon hergestellt wird, besteht also zum überwiegenden Teil aus Mais. Das ist einer der Faktoren, die zu seinem süßen Geschmack beitragen, denn Mais hat einen hohen Zuckeranteil von ca. 3,2 g pro 100 g Mais. Gerste, aus der schottischer Single Malt Whisky gewonnen wird, hat im Gegensatz dazu nur 1 g Zucker pro 100 g Gerste. Neben Mais können noch andere Getreidesorten hinzugegeben werden: Roggen, Weizen, Hafer und vieles mehr – erlaubt ist, was gefällt. Lediglich ein kleiner Teil Gerstenmalz ist Pflicht, denn das bringt durch seine Enzyme die Gärung in Gang.

Straight Bourbon

Straight Bourbon ist gewissermaßen die Edelvariante. Um die Bezeichnung „Straight“ tragen zu dürfen, muss Bourbon einige Anforderungen erfüllen: So muss er mindestens zwei Jahre lang in Fässern aus amerikanischer Weißeiche lagern, darf höchstens auf 80 Vol.-% destilliert werden und mit maximal 62,5 Vol.-% ins Fass gefüllt werden. Nach dem Abfüllen in Flaschen muss er noch mindestens 40 Vol.-% Alkoholgehalt haben. Besonderen Wert legen die Brenner auf die Auswahl der Fässer. Für Straight Bourbon werden ausschließlich neue Fässer aus amerikanischer Weißeiche (lat. Quercus Alba) verwendet. Diese werden vor dem Befüllen von innen ausgebrannt. Dadurch entsteht eine dünne Holzkohleschicht, die den Whisky filtert. Zudem wird das Holz durch das Erhitzen aktiviert und die darin enthaltenen Zucker karamellisieren. Das schmeckt man auch, denn guter Straight Bourbon schmeckt herrlich nach Vanille und Karamell, weist aber auch würzige Noten aus dem Eichenholz auf. Selten trifft man auf Abfüllungen, die älter als 10 Jahre sind. Aber es gibt sie, die 12-, 15- oder 20-jährigen Edeltropfen, wie z.B. den 12-jährigen Elijah Craig oder den 16-jährigen Black Maple Hill. Zudem werden einige Marken auch als Single Barrel Whiskeys, also als Einzelfassabfüllungen, angeboten, z.B. der hervorragende Four Roses Single Barrel.

Die Qualitätsbezeichnung „Straight“ gilt auch für alle weiteren Whiskeysorten, die wir uns nun genauer ansehen.

Tennessee Whiskey

Tennessee Whiskey ist im Grunde eine regionale Ausprägung von Bourbon. Wie auch bei diesem besteht die Mash Bill bei Tennessee Whiskey zu mindestens 51 % aus Mais. Allerdings wird Tennessee Whiskey – wie es der Name schon sagt – nur im Bundesstaat Tennessee hergestellt. Was ihn so besonders macht, ist der sogenannte Lincoln County Process. Das ist eine Filtermethode, bei der der frischgebrannte Whiskey durch eine mehrere Meter dicke Schicht aus Ahornkohle fließt, bevor er zur Lagerung ins Fass gefüllt wird. Dadurch wird der Tennessee Whiskey angeblich super-mild. Wer sich selbst überzeugen will: Jack Daniels und George Dickel sind die bekanntesten Vertreter dieser Gattung.

Rye Whiskey

Rye Whiskey wird aus einer Getreidemischung destilliert, die zu mindestens 51 % aus Roggen besteht. Damit ist Rye um einiges würziger als sein süßer Verwandter, der Bourbon. Denn Roggen sorgt für einen würzigen Geschmack und je höher der Roggenanteil, desto würziger ist der Whiskey. Rye ist die ursprünglichste Whiskeysorte der USA, denn schon die Pilgerväter transportierten Roggen auf ihren Schiffen in die neue Welt, wo er im Gegensatz zu Gerste gut gedieh. Deshalb waren die ersten in Amerika destillierten Whiskeys aus Roggen – bis die Ureinwohner die Siedler mit domestiziertem Mais bekanntmachten. Der Rest ist Geschichte. Wie Bourbon darf sich Rye erst dann „Straight“ nennen, wenn er mindestens zwei Jahre in neuen, angekohlten Eichenfässern lagerte und auch die anderen Anforderungen an Straight-Whiskys erfüllt. Viele bekannte Produzenten wie Jim Beam haben auch einen Rye im Programm, denn er ist im Kommen! Empfehlenswerte Rye Whiskeys sind u.a. der Rittenhouse 100 Proof oder die Würzbombe Bulleit 95 Rye mit stolzen 95 % Roggenanteil.

Corn Whiskey

Corn Whiskey legt im Gegensatz zum Bourbon noch einen drauf – in Form von einer großen Schippe Mais. Denn die Getreidemischung, aus der Corn Whiskey destilliert wird, besteht zu mindestens 80 % aus Mais. Meist wird Corn als junger, ungereifter Brand angeboten und als „Moonshine“ vermarktet (im Gegensatz zu echtem, hausgebranntem Moonshine wird Corn Whiskey allerdings legal hergestellt und aus einer Getreidemaische destilliert – und macht nicht blind). Anders als andere Whiskeys darf sich Corn Whiskey nicht erst nach einer bestimmten Reifezeit „Whiskey“ nennen – schon das junge Destillat darf sich mit diesem Titel schmücken, wie z.B. der Georgia Moon Corn Whiskey. Wer es lieber „straight“ mag, ist beim Mellow Corn Straight Corn Whiskey gut aufgehoben.

Wheat Whiskey

Wheat Whiskey ist weitaus seltener als Corn, Rye und Bourbon. Er wird – wie der Name es schon vorwegnimmt – zum Großteil aus Weizen hergestellt. Auch hier sind mindestens 51 % des namensgebenden Getreides Vorschrift. Und wie auch bei anderen US-Whiskeys, darf er sich erst „Straight“ nennen, wenn er bestimmte Kriterien wie die berühmte zweijährige Reifezeit in neuen, angekohlten Eichenfässern erfüllt. Wheat Whiskeys gelten als außergewöhnlich mild und bekömmlich. Bekannte Vertreter sind der Bernheim Original und der Dry Fly.

Single Malt Whiskey

Single Malt Whiskey – auch das gibt es in den USA. Getreu dem schottischen Vorbild werden Single Malts ausschließlich aus gemälzter Gerste gewonnen. In den USA haben sich besonders kleinere Craft-Destillerien der Produktion von Single Malt Whiskey verschrieben. Einige Beispiele sind der Westward American Single Malt, der Few Single Malt oder der nach schottischem Vorbild destillierte Westland Peated Single Malt Whiskey.

Experimentieren lohnt sich!

Zwar schränken die peniblen Produktionsvorgaben – v.a. die strengen Auflagen für Straight Whiskeys – die Kreativität der Brenner ein, doch experimentiert wird in den USA trotzdem mit viel Mut und Elan. So mischen einige Hersteller wie Koval der Mash Bill ihrer Bourbons exotische Getreidesorten wie Hirse, Quinoa oder Amaranth bei und erzeugen dadurch völlig neue Geschmacksprofile.

US-Brenner experimentieren mittlerweile mehr mit verschiedenen Fasstypen als noch vor ein paar Jahren. So hat sogar die alteingesessene Jack Daniel’s Distillery für ihren No. 27 Gold ein Experiment gewagt und dem Tennessee Whiskey ein Finish im Ahornfass gegönnt. Auch Mitcher’s, die älteste Whiskey-Brennerei der USA, geht neue Wege und lagert einen Teil ihres Destillats in gebrauchten Bourbonfässern statt in neuen Eichenfässern. Diese Whiskeys dürfen sich nach ihrer Sonderbehandlung zwar nicht Bourbon nennen, der Mitcher’s American Whiskey schmeckt aber trotzdem.

Es gibt viel US-Whiskey zu entdecken – packen wir’s an!

Die amerikanische Whiskeylandschaft ist so vielseitig wie kaum eine andere. Vergiss also mal einen Moment lang alle Vorurteile, die Du gegen amerikanischen Whiskey hast, und probiere was Neues – denn Scotch ist nicht alles. Ganz im Gegenteil: Auch andere Mütter haben schöne Töchter. Am besten einfach mal was Neues wagen und einen US-Whiskey holen, den es nicht im Supermarkt zu kaufen gibt – also Hände weg von Jack, Jim und Co. Im besten Fall erweitert das Deinen Whiskey-Horizont, im schlimmsten Fall gibt’s immer noch Cola.

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